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5. Februar 2009

Nach fast einer Woche bibbern und frieren wird es Zeit für einen kleinen Nachtrag…Meine letzte Woche in Indien habe ich sozusagen im südlichsten Süden von Südindien verbracht. Ich besuchte Mitraniketan, ein Schule in der Nähe von Trivandrum. Diese Schule steht in Verbindung zu meiner Karlsruher Schule und daher war es natürlich ein absolutes MUSS hier einen Besuch abzustatten. So hatte ich also zum zweiten Mal das Glück in einer kleinen schulischen Gemeinschaft aufgenommen zu werden, wenn diesmal auch für kürzere Zeit. Ganz bewundernswert ist es wie diese Schule es schafft trotz äußerst geringer staatlicher Unterstützung seit über 50 Jahren zu bestehen und gute Arbeit zu leisten. Unterrichtet und untergebracht (es ist ein Internat) werden vor allem Kinder aus äußerst armen und ländlichen Gegenden, die hier die Möglichkeit einer soliden schulischen und praktischen Ausbildung erhalten. Da es natürlich immer wieder an allen Ecken und Enden fehlt sind z.B. freiwillge Helfer immer herzlich willkommen (wer also da mal jemanden kennt, der gerne im Ausland ein Praktikum oder einen Freiwilligendienst machen möchte…) Obwohl eine Woche nicht gerade eine lange Zeit ist, habe ich mich dort wunderbar eingelebt und sehr wohlgefühlt. V.a. in die kleinen Mädels war ich spätestens ab dem Zeitpunkt völlig verschossen als sie mir aus ihren wenigen Besitztümern eine Kette mit grünem Plastikherz schenkten, da es ihrem Schönheitsempfinden nach nicht ging, dass ich ohne Halskette herum lief..

So ist es mir dann mehr als nur schwer gefallen Mitraniketan und v.a. Indien zu verlassen…am Flughafen schien mir das Herz schier zu bluten und ich trank einen letzten Chai nach dem anderen…geholfen hat das wenig…

Doch nun hat das Referendariat begonnen und die Zeit zum Tagträumen und Sehnsüchten nachhängen ist glücklicherweise knapp bemessen…

Cochi

26. Januar 2009

Die Tage in Cochi sind allzu schnell vergangen, es waren mehr als geplant, da ich den indischen Busfahrten zumindest für diese Reise innerlich abgeschworen hatte und um sie zu vermeiden lieber einen Reisestopp von meiner Liste strich. Diese dadurch zusätzlichen Tage empfand ich wie ein Geschenk. Ich genoss es zum einen den Luxus eines Touristenortes zu haben (z.B. Internet, echten Kaffee und erstmals wahnsinnig saubere Zimmer) und dennoch wenige Schritte weiter wieder im richtigen Indien zu sein. In diesen Tagen hatte ich auch öfters das Vergnügen zum Schneider gehen zu können. Genäht wird mit diesen wunderschön alten, mit dem Fuß betriebenen Maschinen und mit der Zeit habe ich es genossen in diesen kleinen, mit Stoffen voll gestopften Räumen zu stehen, während ich von oben bis unten ausgemessen wurde. Schade, dass so individuell angepasste Kleidung bei uns ein kaum bezahlbarer Luxus ist.
Immer wieder von neuem wunderbar ist die Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen, so wurde ich zum Beispiel bei einer der Schneiderinnen zum Mittagessen eingeladen, nachdem wir uns davor auf amüsanteste Weise mit nur ein paar Brocken Englisch unterhalten haben. Für dieses große Ereignis wurde unter den Stoffen ein verstaubter Tisch hervor geholt und das knarzende Sofa von Kleidung befreit. Problematisch war einzig, dass das Ehepaar selbst nichts aß, sondern mir interessiert zusah wie versuchte zum ersten Mal kleine Krebse auf halbwegs ansehnliche Weise auszupulen während vor Schärfe der Gerichte meine Nase schier zerlief.


Die letzte Rikschafahrt in Cochi war zugleich die lustigste. Der Fahrer bestand darauf, dass ich fahren sollte! Zwar habe ich die leise Vermutung, dass seine Motivation eher die war eine westliche Frau nah neben sich auf dem Fahrersitz zu haben, dennoch war es ein Riesenspaß einmal selbst das kleine Gefährt durch die indischen Strassen zu lenken (diese waren zum Glück relativ unbelebt, ansonsten hätte das wohl kein gutes Ende genommen).

Die heilige indische Messe

25. Januar 2009

Eines der kuriosesten Erlebnisse dieser Tage war der englischsprachige Gottesdienst in der Santa Cruz Basilika in Cochi. Ohne blasphemisch sein zu wollen, fand ich es interessanter und unterhaltsamer als das traditionelle Tanztheater vom vorherigen Abend. In Kerala gibt es seit der Kolonialzeit viele Christen, hauptsächlich römisch-katholische. Die Kirche selbst war recht alt, doch schon durch die Konstruktion aus Holz von anderem Charakter, als die meisten unserer Kirchen. Die Ausmalungen der Wände waren in kitschigen Pastelltönen gehalten und allein dies verlieh dem Ganzen einen Hauch von Disneyland. Doch dies war nichts im Vergleich mit schönen, alten Holzfiguren, die mit Plastikblumen und bunten, blinkenden Lichterketten behängt sind, dazu baumeln von der Decke riesige Ventilatoren und alles ist mit grellem Halogenlicht beleuchtet. Kaum hatte man sich daran gewöhnt, erschallte die Musik, durch riesige Lautsprecher dröhnten vom Keyboard begleitete Gesaenge, die ich eher zwischen Countryclub und romantischer Strandpromenade ansiedeln würde. Der obligatorische Stromausfall war sowohl für Augen, als auch für Ohren eine wahre Erholung. Die Predigt hingegen – soweit ich sie jedenfalls verstanden habe – war ziemlich gut, doch witzigerweise war selbst das Gewand des Priesters  etwas knalliger und schillernder als ich es sonst von katholischen Pfarrern in Erinnerung habe. Als die Fürbitten an der Reihe waren, wurde tatsächlich für Obama gebetet. Ist es nicht erstaunlich, wie viel Hoffnung in allen Teilen der Welt in ihn gelegt wird? Amüsant wurde es noch einmal, als die Hostien aus dem Allerheiligsten geholt wurden. Ein weißer Vorhang öffnete sich, dahinter kam eine kleine weiße Tür zum Vorschein, umgeben von einer goldenen Aureole, anschließend einer blauen und dann doch tatsächlich von grünem Neonlicht! Insgesamt könnte das schon fast Disco-Feeling aufkommen.
Natürlich waren die Inhalte, die Worte, die Riten dieselben, doch eben völlig “einge – indischt”. Dies fand ich Hoechst interessant, den es zeigt, dass glücklicherweise keine Missionierung dazu führen kann die eigene Kultur völlig verschwinden zu lassen. Es ist auch gewisse kein Zufall, dass es gerade der Katholizismus ist, der in Kerala so blüht. Die Art und Weise wie die Heiligenbilder in jedem Haus, geschafft und am Straßenrand zu kleinen Altaren angerichtet sind und die Art der Verehrung sind nicht so grundverschieden von der hinduistischen Kultur.
 

Hassen und lieben

18. Januar 2009

Viele Leute haben mir gesagt, entweder du hasst Indien oder du liebst es. Ich glaube es ist anders, bei mir zumindest. Es ist beides zugleich, eine Hassliebe mit je nach Zeitpunkt unterschiedlicher Auspraegung. Sitzt man neben einer mit roter Spucke verunzierten Wand, sieht die Bettler, die nichts anderes, als das was sie auf dem Leib tragen besitzen (und auch das ist nicht viel), die mit Muell verdreckten Strassen, Gebaeude, die vor sich hin verfallen (dazwischen allerdings Handygeschaefte) faellt es schwer mit der Liebe. Erst recht wenn man versucht eine belebte Strasse zu ueberqueren, eine Toilette zu finden (geschweige denn Toilettenpapier oder ein Stueck Seife; Illusionen die man ein paar Tausend Kilometer hinter sich gelassen hat) oder versucht mit einem Rikschafahrer einen halbwegs fairen Preis zu verhandeln.

Aber dann gibt es eben auch die 1000 anderen Dinge, kleine Kioske, vollgestopft mit allen Dingen des taeglichen Bedarfs, von Binids ueber Kaugummis, Abflussrohren und Kochgeschirr baumelt alles lustig und bunt von der Decke hinunter, dann die kleinen beweglichen Kuechen, ein paar hellblau angestrichene Bretter auf vier Fahrradreifen montiert, machen alles moeglich: Koestlichen, pappsuessen Chai, frittiertes Allerlei oder ganze Obststaende wandern so die Strasse entlang, zusammen mit Frauen in knallbunten Saris, Maennern in weissen Roecken (zumindest hier in Kerala), ueber deren Laenge sie sich manchmal nicht so ganz sicher zu sein scheinen und in kurzen Abstaenden aus knoechellang knielang machen und umgequert, zwischen dem ganzen Trubel ein paar Kuehe und Ziegen, die sich ebenso wie die Mensche durch wenig aus der Ruhe bringen lassen. Wie soll man es da nicht lieben durch die indischen Strassen zu schlendern? Nicht zu vergessen die indischen, wirklich indischen Restaurant, kleine Spelunken in denen man fuer wenige Rupie die koestlichsten Sachen auf riesigen Platten serviert werden und man gerne einen Nachschlag bekommt. Und natuerlich die Freundlichkeit, Herzlichkeit und v.a. Hilfsbereitschaft der Menschen (bisher begegneten mir nur erstaunlich wenige Ausnahmen), gepaar mit einen zustimmenden Kopfschuetteln, das anfangs irritiert, man stelle sich vor man erzaehlt etwas und der Gesptaechspartner schuettelt staendig den Kopf, doch das man mit der Zeit selbst uebernimmt (also seid erst Mal geduldig, wenn ich zurueck in Deutschland einiges durcheinander bringe)

Den Gott der kleinen Dinge finden

14. Januar 2009

Einige faule Tage am Strand von Goa sind einfach so und viel zu schnell vorbei gezogen. Es gibt nichts allzu spannendes zu berichten, es gab große Wellen, große Fische, jede Menge Sand und ein Meer von Palmen, dazu leider einen unruhigen Magen. Insgesamt war es zwar recht herrlich, aber irgendwie fast gar nicht indisch – naja, das haben wir uns von Goa auch nicht erwartet.
An einer recht zwielichtigen Bushaltestelle, nicht als solche erkennbar, trennten sich Michaels und meine Wege, er fuhr Richtung Bahnhof, Endziel Flughafen, ich wollte versuchen weiter in den Sueden, nach Kochi, zu kommen um dort zwei Regensburger Freunde, Momo und Michael zu treffen. Zugegeben sah ich der Fahrt dorthin nicht gerade mit Freude entgegen: Zum ersten Mal alleine unterwegs, einen unverlässlichen Magen im Gepäck und nur den Transport für die erste Hälfte der Strecke gesichert…das waren doch ein paar unheimliche Komponenten. Letztlich hatte ich jede Menge Reiseglück und kaum eine einsame Minute. Ich lernte zwei sympathische schwedische Frauen kennen, etwas älter als ich, die es gar nicht erst zulassen wollten, dass ich nach der ersten Nachtfahrt, verschlafen und im Dunkeln die besten weiteren Zugverbindungen suchen ging, sondern mich kurzer Hand mit in die Rikscha packten und wir gemeinsam einen dekadenten Tag zwischen Meer und Pool verbrachten und uns so von der ersten Busfahrt erholen und auf die Folgende vorbereiten konnten. Mein innerliche Durchhaltekontingent für indische Busfahrten ist langsam erschöpft, spätestens nach diesen Nächten und ich versuche sie fortan zu meiden wo es nur geht (jedenfalls wenn sie 5 Stunden übersteigen).
Nun bin ich in Kochi angekommen, habe Momo und Michael getroffen und möchte hier gar nicht mehr weg. Nicht weil es so schön ist, dass ist es schon auch, sondern weil es so drückend heiß ist, heißer als an allen Orten zuvor, so dass man schier bewegungsunfähig wird.
Kochi ist an der Westküste und erstreckt sich über mehrere Inseln und Halbinseln und hat eine recht vielfältige koloniale Vergangenheit, die man gerade in der Architektur immer wieder spüren kann. Hier beginnen auch die berühmten Backwaters, viele große und kleine Wasserkanäle, die das mit Palmen übersäte Land wie Adern durchziehen, an deren Ufern versteckt kleine Häuser stehen und sich ein gelassenes Familienleben abspielt, während Fischer ihre Kähne langsam  und leise durch das träge Wasser bewegen. Wer „Der Gott der kleinen Dinge“ gelesen hat, findet hier die Kulisse des Buches und tatsächlich ist es so: schwül, träge, langsam, unglaublich ruhig, atemberaubend schön und doch irgendwie sumpfig…ich war wirklich wie verzaubert, als wir heute mit dem Boot durch diese Wasserstaßen gefahren sind, wir sind so lautlos dahin geglitten, dass es sich fast wie ein Traum angefühlt hat, mit Bildern, die einfach an einem vorbei ziehen…Palmen neigen sich über das Wasser, ein leerer Kahn ist am Ufer festgebunden,  eine Frau wäscht das Kochgeschirr, Vögel fliegen vorbei, jemand erntet Kokosnüsse, Blumentöpfe vor der Veranda, ein Dach aus Palmwedeln, die bunte Wäsche trocknet auf Seilen aus Kokosnussfasern…ein kleines Stück Paradies…würden da nicht hin und wieder am sumpfigen Ufer ein paar leere Plastikflaschen schwimmen und uns daran erinnern, dass die Zeiten des Garten Edens längst vorbei sind.

Mike und Mary

10. Januar 2009

n Hampi hat es uns ziemlich lange gehalten, wir wohnten in Sichtweite der Felsen, nur ein kurzer Marsch ueber die Reisfelder und schon waren wir da, im Mega-Spielplatz fuer zu gross gewordene Kinder; so weit man sehen konnte Bloecke in unterschiedlichsten Groessen und Formationen, die zum dazwischen her irren oder eben auch drauf und drueber klettern einluden. Und schneller als ich schauen konnte, war auch ich um kurz nach 6.00 Uhr aufgestanden um moeglichst viel von den kuehlen Morgenstunden zu haben und probierte einen Boulder nach dem anderen zu besteigen, vornehmlich die Niedrigsten, fand “good problems” (was fuer ein Widerspruch in sich) und brachte mehr oder weniger stolz etliche Schuerfwunden nach Hause (tja, wenn der elegante, schwungvolle Aufstieg nicht so klappt, schrubbt man eben eher unelegant aber mindestens genauso schwungvoll den rauhen Granit abwaerts; doch haltet eure boesen Zungen im Zaum (Bene!!), ich war weder voellig mit Schuerfwunden uebersaet noch die Einzige mit solchen Mitbringseln)
Doch eigentlich, ja eigentlich ist Hampi nicht (nur) als Bouldergebiet beruehmt, eigentlich sind es die unzaehligen, uralten Tempelruinen, die diesen Ort zum Weltkulturerbe machen. Einst war hier, kurzzeitig, das reichste und maechtigste Hindureich Indiens. Immer noch stehen Hunderte von Tempelruinen grosszuegig zwischen den Felsen und Huegeln verteilt und man bekommt eine Idee wie fantastisch es hier einst gewesen sein muss. Das Ganze hat, v.a. in den abgelegeneren Winkeln einen unglaublichen Charme, ist ein bisschen unerklaerlich und geheimnisvoll. Die besterhaltensten Tempel sind natuerlich Touristenmagneten und es geht dort recht turbulent zu. Obwohl der Stadtkern nur aus internationalen Travellern, Gaestehaeusern, Restaurants und Hippielaeden zu bestehen scheint findet man im Gegensatz dazu in dne Ruinen v.a. busladungsweise Inder (es stellt sich die Frage: was machen eigentlich die Traveller den ganzen Tag?). Dies fuehrte zu einem recht merkwuerdigem Phaenomen, mit dem ich ehrlich gesagt ueberhaupt nicht gerechnet hatte und das mit der Zeit immer anstrengender wurde: Michael und ich (unter den leichter aussprechbaren Decknamen Mike and Mary) wurden das begehrteste Fotomotiv von Hampi: mit Schulklasse, ohne Schulklasse, mit jedem Einzelnen, mit der Familie, Haende schuettelnd, laechelnd, ohne Laecheln…es gibt uns in allen Variationen..meistens passierte es so: erst laeuft eine Traube Kinder an einem vorbei, macht grosse Augen, bis sich einer zu winken traut, waehrend der Rest in Kichern ausbricht bissich endlich einer (die Jungs waren das mutiger) einen seiner drei englischen Saetze raus kramt und fragt woher wir kommen und wie wir heissen. Ab diesem Moment stuermte der Rest der Horde auf einen zu und verbrachte die naechste Zeit mit Haende schuetteln und fals das ein oder andere Kind einen Foto hatte, rueckten die Tempel in den Hintergrund und die Fotosession began…so spielten wir also einen Tag lang Mike und Mary – die weltberuehmten Filmstars, eine recht unerwartete Rolle, die wir mit Freuden wieder ablegten.
Nach fast 1,5 Wochen zwischen Tempeln und Bouldern wagten wir unsere naechste Busfahrt, dismal jedoch in einem sogenannten Luxury-Bus mit kleinen Schlafkabinen. Durch unseren vorherigen Nachttrip abgehaertet empfanden wir das im Gegensatz zu den anderen Touristen als relativ entspannte Reise und wachten so fast ausgeschlafen am Strand von Goa auf. Goa – das Ferienparadies, das Hippieparadies, das Partyparadies – eigentlich stand dieser Flecken Indien nicht gerade oben auf meiner Wunschliste, doch es lag annaeherungsweise auf der Reiseroute und gegen ein bisschen Meer gibt es ja auch generell nicht einzuwenden. Nun wohnen wir also ganz dekadent in einer kleinen, bunten Huette, hoeren nachts das Meer rauschen und springen tagsueber gegen die Wellen an. Der Strand ist eher klein und eher ruhig obwohl unter den Palmen sich Huetten und Restaurants aneinander reihen. Allerdings ist alles irgendwie selbst konstruiert, aus Holz, Bambus, Palmwedeln und hat dadurch trotz der Masse einen individuellen, liebenswerten Charme.

Abenteuer Bus

4. Januar 2009

Reisefuehrer sind meist von Leuten geschrieben worden, die viel gereist sind, jede Menge landesspezifische Erfahrungen gesammelt haben und es in der Regel besser wissen als man selbst. Dennoch haben wir die Empfehlung, jegliche Art “normaler� indischer Busse zu meiden, sehenden Auges ignoriert. Die Strafe zahlten wir in 10 Stunden naechtlicher Ueberlandfahrt. Ich moechte euch jetzt nicht mit der Beschreibung der einzelnen Schlagloecher und der damit verbundenen eigenen Absprunghoehe langweilen, doch sowohl Anzahl als auch Sprunghoehe nahmen bisher ungeahnte Groessenordnungen an und immer wenn man glaubte, man haette sich daran gewoehnt, sei schon voellig einge-indischt, koennte evt. Sogar kurz schlafen, kam es schlimmer. IMMER. Wer haette auch gedacht, dass die direkte Verbindung zweier grosser Staedte ueber Landstrasse fuehrt (ungeteert und von der Qualitaet einer interessanten Mountainbikestrecke). Abgesehen davon war es schon ein Glueck ueberhaupt den richtigen Bus zu erwischen, das zumindest hatte ich in keinster erwartet, naiverweise zugegeben. Obwohl der Busbahnhof noch relative klein war (ca. 20 Stationen) und wir sogar ungefaehr wussten WO – wahrscheinlich (!) unser Bus fahren sollte und auch eine ungefahere Zeitangabe hatten (variierte je nach Auskunftsgeber zwischen 19.30 und 22.00 Uhr), gerieten wir doch in leichte Panik als wir folgende Feststellungen machten:
1. Die Staedtenamen waren zwar sehr wohl an den Bussen angeschrieben, jedoch in wundrschoen verschnoerkelten Hindibuchstaben.
2. Im Fahrplan ist keine Zeit zum EInsteigen, Aussteigen oder Umsteigen eingeplant.Mit Tempo faehrt ein klapperndes Ungetuem ein, hupt laut und gibt damit das Startsignal fuer eine Menschenmasse mit Saecken, Koffern und verschnuerten Paketen beladen, die auf den Bus und in den Bus stuermt waehrend eine andere, meist wesentlich kleiner Menge versucht sich aus dem Gefaehrt hinaus zu bewegen.
Irgendwie ging trotzdem alles gut, sogar die raren und aeusserst kurzen Pinkelpausen. Da wir ungluecklicherweise auf den letzten PLaetzen sassen (ungluecklicherweise in jeder Hinsicht, denn hier ist die maximale Sprunghoehe garantiert), konnten wir uns immer erst dann aus dem Bus quetschen wenn die ersten schon erleichtert zurueck kamen, man rechne noch ein paar Minuten dazu das locale Oertchen auszumachen (Maedels, glaubt mir, kein Vergnuegen) und so geschah es nicht selten, dass ich gerade dort angekommen schon das Hupsignal zur Abfahrt hoerte und der Albtraum allein, ohne Gepaeck auf einem naechtlichen indischen Busbahnhof im Nirgendwo zurueck gelassen zu warden, lehrte mich schnell die blitzschnelle Abwicklung jeglicher Vorhaben.
Doch aus jedem Albtraum erfolgt ein Erwachen 

 .und fuer solch ein Erwachen ist das morgendliche Hampi der geeignete Ort. Wir sassen im morgendlichen Licht am Flussufer, unzaehlige Stufen fuehrten hinunter, grosse bizarre Steinbloecke liegen im flachen Wasser, uebersaehen die umliegenden Huegel, hinter uns ragen Palmen und Daecher uralter Tempel in den Himmel, wir warten auf das Boot, dass uns andere Ufer uebersetzen soll, halten einen winzigen Becher gluehend heissen Chai in der Hand, beobachten die Kinder,ganze Schulklassen, stuermen ans Ufer, springen ins Wasser, obwohl es ein kalter Morgen ist, waschen sich, der Lehrer waescht sein Hemd, eine Elefantendame wird vorsichtig die Stufen hinnter gefuehrt, auch sie nimmt ein Bad es ist wie ein Film, ein schooner Film, zumindest, wenn man es schafft die anderen Traveller links und rechts auszublenden. Zu Ende ist die Zeit unter Indern, ab jetzt bewege ich mich inder Traube der Traveller und der Gedanke gefaellt mir noch nicht so recht. Vielleicht brauche ich noch eine Weile mich einzufuegen, mich daran zu gewoehnen an dieses bunte Pack weltgewandter Leute, die in farbenfrohen, leicht abgerissenen Klamotten (auf einmal wieder freizuegig, aermellose Oberteile, weite Auschnitte, nackte Beine – bisher verbotene Ausblicke), cooles, laessiges Gehabe und die uebliche Gespraeche wo man schon war, wie lange man unterwegs ist, und wie “amazing� einfach alles ist. Unsere Unterkunft erinnert mich ebenso wie das Publikum an andere Teile dieser Erde, so individuell die Leute, die Guest Haeuser, die Speisekarten zu sein versuchen, so aehnlich ist doch alles. Dennoch es ist wunderschoen, zweifelslos. KLeine Lehmhuetten mit Strohdaechern, ein offense, mit Matratzen ausgelegtes Gemeinschaftshaus und in greifbarer Naehe all diese interessanten Steinbloecke. Wegen ihnen ist auch ein Grossteil des Publikums kletterbegeistert, Bouldermatte steht neben Bouldermatte und es ist natuerlich kein Zufall, dass wir hier gelandet sind. Bereits in den ersten Morgenstunden wird losgezogen, Michael mittendrin, “Probleme� loesen wie es so schoen heisst im Fachjargon und aus der Ferne doch nur so ausschaut, als ob man verzweiflet versucht die gelekigen Aeffchen hier nachzuahmen. Nicht zu Unrecht wurde der Ort vor etlichen Jahrhunderten dem Affengott geweiht, nun scheint eine neue Form seiner Verehrung ausgebrochen zu sein. Doch allem Schmunzeln zum Trotz, spaetesten morgen werde wohl auch ich mich in die Reihe dieser besonderen Art von Pilgern einreihen.

Abschied nehmen

28. Dezember 2008

Heute Nacht geht es auf nach Hampi, eine abenteuerliche Nachtfahrt im Bus steht uns bevor…

Der Abschied von den Kindern gestern war recht herzzereissend, man sagt natuerlich man kommt wieder, aber wird es wirklich so sein?

Ich habe mich bei der Assembly von allen verabschiedet, ich sagte ein paar Herz-Schmerz-Worte und dachte damit waere es getan…tja ja, ich rate jedem der jemals in eine aehnliche Situation kommt besser vorbereitet zu sein, als ich. Da wurde ich naemlich aufgefordert ein deusches Lied zu singen…wer meine Singkuenste kennt, kann sich die Schweissausbrueche vorstellen die erlitt..da stand ich also allein vor 100 Kinder und sang (das einzige was mir einfiel) “Bruder Jakob”….

Es weihnachtet sehr…

28. Dezember 2008

Ein wenig beneide ich euch ja doch, denn so schoen es hier auch ist, es ist einfach unmoeglich auch nur einen Hauch von Weihnachtsstimmung aufkommen zu lassen. Zwar wird schon gefeiert, denn jeder Anlass zum Feiern ist willkommen, doch irgendwie will es nicht so mit dem Weihnachtsgefuehl klappen wenn man kurzaermelig unterm Sternenhimmel steht und die Kinder laut “Rudolph the rednose rendeer” bruellen…Ein Feiertag ist es, jedenfalls an dieser Schule, auch nicht, so durften wir gestern zum Beispiel ganztaegig die zweite Lehrerfortbildung abhalten. Nachdem das letzte Mal sozusagen die Lehramtsanwaerter dran waren, stand gestern eine Horde ausgewachsener Lehrer vor uns, zum groessten Teil maennlich, min. doppelt so alt wie ich, mit Hemd und riesigem Schnurrbart (sehr in Mode)..ich befuerchtete ja schon, dass sie nur den Kopf schuettlen wuerden und sich fragen was diese kleinen Maedchen aus Europa ihnen ueberhaupt erzaehlen wollen. Im Endeffekt war es aber fast noch spassiger als mit den Junglehrern, da waren schon einige echte Scherzkekse dabei und wenn sie denn Kopf geschuettelt haben, dann wenigstens nur innerlich…

Den Weihnachtsabend haben wir dann groesstenteils damit verbracht in einem Haus der Senior Girls auf die Weihnachtslieder zu warten..das war eher eine Party, die Maedels haben die ganze Zeit getanzt und zwar nicht gerade zu indischer Musik, da erklang eher Hiphop und aehnliches. Franzi und ich haben uns fuer diesen Abend richtig rausputzen lassen: wir haben zum ersten Mal einen Sari getragen. Alleine wuerde ich das niemals schaffen, dieses ewig lange Tuch wird auf merkwuerdigste Weise ein paar Mal um den Koerper geschlungen und dann haelt es  (ich hatte ja anfangs Angst, dass sich die ganze Schoenheit blitzschnell aufloesen wuerde, doch es hielt) Es hat sich irgendwie toll angefuehlt so herumzulaufen und die Inder waren auch ganz aus dem Haeuschen, die meisten haben sich voll gefreut, dass wir einen Sari trugen und wir wurden mit Komplimenten ueberschuettet.

“Aka”

20. Dezember 2008

Die Tage plaetschern dahin und obwohl keiner wie der andere ist, wie koennte es auch sein, ist doch etwas Alltag in mein Leben hier eingekehrt. Ich merke es allein daran, dass ich abends denn Kopf frei habe, ja richtig Lust darauf habe, etwas zu lesen, einen Roman, der rein gar nichts mit Indien zu tun hast. In den Wochen davor war mein Kopf stets so ueberfuellt an Gedanken und Eindruecken, dass die einzige moegliche Beschaeftigung Tagebuch schreiben war und selbst das erschien mir oft zu anstrengend, und trotz Muedigkeit fiel mir das Einschlafen stets schwer, denn nun erwachten die Gedanken erst recht.

Auch die Unterrichtsstunden werden immer entspannter, klar, langsam kennen die Schueler uns, und wir sie, das macht schon viel aus. Und wenn man erst Mal die Erfahrung gemacht hat, dass es irgendwie auch klappt sich vertaendig zu machen, geht man auch zuversichtlicher in die naechste Stunde. Die Schueler hier sind uebrigens ein Traum, ich wuerde sie am liebsten alle einpacken und mitnehmen. Nicht nur, dass sie wundervoll ausschauen, vor allem die Maedels in ihren farbenfrohen Kleidern und den langen geflochtenen Zoepfen, den Blumen in den Haaren. Doch sie sind alle wahnsinnig interessiert, total aufgeschlossen und auch sehr hoeflich. Ich bezweifle fast, dass es das Wort Disziplinprobleme auf Telugu gibt. Dadurch bleibt einfach viel mehr Kraft und Energie fuer das Wichtige, fuer das Unterrichten..

Die Kinder nennen mich bei jeder Gelegenheit “aka”, mein Name ist fuer indische Ohren hoechst kompliziert, ich war sehr geruehrt als mir gesagt wurde, dies sei das Wort fuer “grosse Schwester”…

Ja, ich merke schon, dass es mir schwer fallen wird Abschied zu nehmen. Morgen frueh kommt Michael an und nach Weihnachten werden wir zusammen weiter reisen, andere Eindruecke sammeln, ein vielleicht ganz anderes Indien kennen lernen.  Natuerlich freue ich mich darauf, doch ich habe mich schon sehr in diesen friedvollen Platz verliebt.



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